Geschichte




Wenn man ins siebte Lebensjahrzehnt startet, dann gibt es aus den fünf Jahrzehnten deavor vieles zu berichten. Ist man wie der Österreichische Jugendherbergsverband im Mai 1946 geboren, dann kann man viel über turbulente Zeiten erzählen.

Das, was heute weltweit als „Backpacking“, also „Rucksackl’n“, bezeichnet wird, hieß 1884 noch Jugendwandern. Im Sommer jenes Jahres wurde in Hohenelbe im Riesengebirge die erste „Studenten- und Schülerherberge“ eröffnet. Diese Lösung der Übernachtungsfrage breitete sich rasch aus, besonders in Österreich, dem damaligen Sudetenland und Süddeutschland. Im Sinne des heutigen ÖJHV war diese Form des Herbergswesens freilich nicht: Aufgenommen wurden lediglich Gymnasiasten und Studenten (beide ausschließlich männlich) ab 16 Jahren. Diese Handhabe wurde erst 1909 geändert, als der Lehrer Richard Schirrmann nach einem stürmischen Nachtgewitter und Schwierigkeiten bei der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit beschloss, an sämtlichen wanderwichtigen Orten, Jugendherbergen zu schaffen. Sie standen allen jungen Wanderern offen. Unabhängig von Schulbildung, Konfession und Herkunft.

Revolution: Traditionelle Wanderbewegungen gibt es schon seit dem 11. Jahrhundert, revolutionäre Seiten brachten sie allerdings erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervor. Die Arbeiterjugendbewegung, in der es von Anfang an auch weibliche Mitglieder gab, verfolgte eine Neugestaltung von Leben und Freiheit junger Menschen. Unter Freiheit verstand man weniger jene von Gesetzen und Normen, sondern vielmehr die Möglichkeit, alles selbst zu prüfen und davon Zustimmung oder Ablehnung abhängig zu machen. Freiheit von äußeren Einflüssen und Mächten, um sich aus sich selbst heraus entwickeln zu können. Das Erwecken und Steigern des Klassenbewusstseins spielte dabei keine unwesentliche Rolle.

Die Reaktionen der Erwachsenen auf diesen revolutionären Aufbruch waren geteilt. Einerseits lobte man die Ziele der Jungen, anderseits war man schockiert über die wie Maulesel mit Kochtöpfen und Blechnäpfen bepackten, den Komfort der Technik verspottenden, lärmenden Wanderscharen. Sehr viel anders sehen die Horden von Backpackern und Globetrottern in der Hauptsaison heute auch nicht aus, das Klassenbewusstsein dürfte aber eine weniger bedeutende Rolle spielen.

Zweiter Weltkrieg: In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Vorstellung von Jugend und Freiheit schnell zunichte gemacht. Die von politischen Parteien und anderen Körperschaften betriebenen Jugendherbergen wurden vereinigt. Mit dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 wurden nach deutschem Vorbild in allen Schulen größerer Orte Jugendherbergen errichtet, die vor allem in der schulfreien Zeit den Jugendorganisationen der Nazis zur Verfügung standen. Herkunft und Konfession der jungen Menschen spielte wieder die Hauptrolle.

Zurück an den Beginn: 31. Mai 1946: Die Gründungsversammlung des ÖJHV, dem damals zehn Jugendorganisationen angehörten, fand im alten Wiener Rathaus statt. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig der den Pfadfindern angehörende Karl Prochazka gewählt, der, wie viele seiner Generation, einige Jahre seines Lebens im Konzentrationslager Dachau verbringen musste. Seine Amtsnachfolger sollten der spätere Nationalbankdirektor Heinz Kienzl (1976-1980), die Gewerkschafter Erich Hofstätter (1980-1987) und Günther Weninger (1988-2006) sowie der Wiener Landtagspräsident Johan Hatzl (2006-2009) werden. Seit 2009 führt Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser aus Kärnten den Vorsitz des ÖJHV.

International:
Bereits ein Jahr später, im Frühjahr 1947, wurde der Grundstein für das internationale Betätigungsfeld des ÖJHV gelegt: Bei der Jugendherbergskonferenz in Blaricum (Niederlande) wurde der Verband in die „International Youth Hostel Federation“ (IYHF) aufgenommen. Besonders die vergangenen 20 Jahre standen im Zeichen des Ausbaus und der Nutzung internationaler Kontakte. Höhepunkte dieses Austausches sind freilich die IYHF-Konferenzen, die bereits drei Mal in Wien statt gefunden haben.

2003 unterzeichnete die IYHF gemeinsam mit der UNESCO ein Memorandum für Frieden und Völkerverständigung. Elf der rund 4.000 Jugendherbergen auf der ganzen Welt wurden zu Friedenszentren gemacht – beispielsweise nahe Ground Zero in New York oder in Jerusalem – weitere sind in Planung. Mit internationalen Jugendaustauschprogrammen sollen die Ideen von UNESCO und IYHF verbreitet werden. Der österreichische Verband arbeitet daran tatkräftig mit. Aus dem Jugendwandern ist eine Friedensbewegung geworden.